SUMMERSOUNDS – A VERY TRUE STORY

von Willie Burger „Mitbegründer der „SummerSounds““

SUMMERSOUNDS – A VERY TRUE STORY
oder: Von einem Neustädter, der auf einen Hügel stieg und als Festival-Organisator wieder herunter kam

„Im Sommer 2005 ging ich auf den einzigen Hügel in den Neustadts-Wallanlagen. Ich blieb oben stehen, schaute mich um und mein Blick fiel in Richtung Hochschule. Mit einem Male kam es aus mir heraus: Hier muss unbedingt Musik hin! Am besten ein „Open Air Festival“.

Einige Tage später sprach ich mit einer langjährigen Freundin über meine Eingebung: Hanna Horlbog, die Gattin unseres ehemaligen Ortsamtsleiters Klaus-Peter Fischer. Hanna zeigte sich erfreut und meinte, dass sie vor kurzem eine ähnliche Idee gehabt hätte. Wir überlegten, wie wir das Ganze auf den Weg bringen könnten und kamen ziemlich schnell zu dem Ergebnis, die wichtigen Akteure anzusprechen, die mit dem Gelände und mit kultureller Stadtteilarbeit zu tun haben: Umweltbetrieb Bremen – damals noch „Stadtgrün“ – und das Neustadt-Stadtteilmanagement. Wir verabredeten einen ersten Termin mit Kerstin Doty von „Stadtgrün“ und Florian Boldt, der damals für kulturelle Initiativen und Aktionen im Stadtteil zuständig war.

Nach ein paar Treffen, bei denen wir über Form, Organisation und Kosten eines solchen Spektakels sprachen, kamen wir überein, ein solches Event an das Kinder- und Jugendmusik-Fest anzudocken, das schon einige Male in den Neustadts-Wallanlagen stattgefunden hatte. Hanna und ich übernahmen die Auswahl und Zusammenstellung der Musikgruppen, Kerstin und Florian kümmerten sich um Finanzierung, Organisation und Öffentlichkeitsarbeit.
Im Sommer 2006 fand schließlich das erste „SummerSounds“-Festival in der Neustadt direkt unter dem Hügel statt.

Für das erste Festival hatten wir ausschließlich Musiker und Gruppen angesprochen, die irgendwas mit der Neustadt zu tun haben: Musiker, die in der Neustadt leben oder geboren sind, Gruppen, die sich in der Neustadt zum Üben treffen oder in irgendwelchen Kultur-Initiativen organisiert sind. So kam ein sehr buntes und abwechslungsreiches zweitägiges Programm zustande, das im Anschluss an das Kinderfestival auf der großen Bühne durchgeführt wurde.

Den Übergang zwischen dem Kinder-Programm und dem Programm für die „Älteren“ gestalteten die Gebrüder Jehn, die mit ihren Liedern eine wunderbare Atmosphäre schufen. Danach heizte die afrikanische Trommelgruppe „Elavanyo“ aus Togo den Zuhörern ordentlich ein. Eine nachfolgende jugendliche HipHop-Gruppe nahm den Beat auf und der Pianist Jens Schöwing spielte mit seinem Trio verjazzte Beatles-Hits.
Auf der abendlichen Bühne spielten dann u.a. musikalische Urgesteine der Neustadt wie Ulli Beckerhoff und Hanno Bonßdorf, die extra für das Festival einige Musikerinnen und Musiker um sich geschart hatten, u.a. die Sängerin Romy Camerun. Im Laufe des Abends versammelten sich Hunderte von Neugierigen auf dem Festival-Gelände, um diesem für die Neustadt bislang „unerhörten“ Musikprogramm zu lauschen. Die Stimmung war famos und alle waren sich einig: Das war ganz sicher nicht das letzte Mal!

Am nächsten Morgen, als es dann leider Bindfäden regnete, kamen trotzdem noch mehr als 200 Neustädter und andere Bremer mit Regenschirmen, die sich den musikalischen Frühschoppen anhörten: Gospelgesänge des „Zion Community Choir“, irisch-amerikanische Musik von der „Josie White Revival Band“ und schließlich die Barbershop-Band „Showchor Singsation“ mit „roaring twenties“.

Wie ging es dann weiter?

Nach dem wunderbaren Anfangserfolg sind die Erwartungen für die nachfolgenden Veranstaltungen natürlich sehr hoch. Die Idee, ein vielsaitiges und abwechslungsreiches Musikprogramm mit lokalen Musikerinnen und Musikern zu präsentieren, wurde fortgeführt, allerdings nur noch auf einen Tag konzertiert. Wir hatten nämlich sehr schnell realisiert, dass uns zwei aufeinanderfolgende Tage organisatorisch einfach überfordern würden.
Im Laufe der folgenden Jahre wurde das o.g. Konzept weitgehend fortgeschrieben: Musik aus verschiedenen Genres, damit alle Neustädter etwas davon haben, allerdings nicht mehr ausschließlich auf lokale Musiker aus der Neustadt oder aus Bremen begrenzt. Hanna und ich machten nach den ersten drei Durchgängen aufgrund fehlender Zeit eine längere Pause. Doch als wir merkten, dass die Qualität der Musik immer mehr nachließ, mischten wir uns wieder ein, um den besonderen Flair des Festivals zu erhalten. So wurden zu den nachfolgenden Festivals u.a. bekannte Pop-, Rock, Folk-, Blues- und Jazz-Musiker aus anderen Städten und anderen Ländern engagiert, z.B. Big Daddy Wilson, Dave Goodman und Roberto Morbioli.

Unberechenbar war natürlich immer das Wetter. Regelmäßig zitterten wir vor jedem Festival ob der Prognosen, die sich oft kurzfristig änderten. Ganz egal, wann wir den Festival-Termin festlegten – es war immer ein Spiel mit einer großen Unbekannten. So gab es „SummerSounds“, die sich diesen Titel nicht nur mit der Musik, sondern auch mit abendlichen Temperaturen von mehr als 25 Grad durchaus verdient hatten. Dann gab es andere Festivals, die man auch getrost als melancholische „Herbst-Sinfonie“ hätte bezeichnen können, weil es in Strömen regnete und die Temperaturen bis fast runter auf 10 Grad gefallen waren. Einmal ging sogar ein heftiger Gewittersturm nieder, der das Kinderfest am Nachmittag im wahrsten Sinne des Wortes hinweg fegte und auch die Abendveranstaltung bedrohte. Zum Glück kam die Sonne gegen 18 Uhr wieder zum Vorschein und die Live-Musik auf der „Hügelbühne“ konnte wie geplant gespielt werden.

Im Laufe der Jahre etablierte sich das Festival als feste und bekannte Größe im Stadtteil. Und doch wurde von Jahr zu Jahr immer wieder um die Finanzierung gerungen. Es gab nie irgendeine Budget-Sicherheit, mit der längerfristig geplant werden konnte. Allerdings wurden mit den frühen Festivals und dem Ruf, den dieses Ereignis mittlerweile in der Bremer Neustadt hatte, wichtige Grundlagen für den Erfolg der darauf folgenden Jahre gelegt.

Mit der neuen Stadtteil-Managerin Astrid-Verena Dietze kam pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum des Festivals im Jahr 2015 viel frischer Wind in den inhaltlichen und organisatorischen Ablauf. Mit ihrer professionellen Herangehensweise vergrößerte sich auch das Netzwerk von Beteiligten und verteilte sich auf viele Schultern. Das Musikprogramm wurde insbesondere durch die Beteiligung von Marvin Marckwardt vom „Gastfeld“ zeitgemäßer gestaltet, und das Rahmenprogramm wurde deutlich breiter aufgestellt. Mittlerweile ist das „Baby“ nun erwachsen, größer und gleichzeitig aber auch jünger geworden.

Wenn ich heute im Neustadts-Park oben auf dem kleinen Hügel stehe und mich umschaue, weiß ich, dass die „SummerSounds“ aus dem kulturellen Programm der Neustadt nicht mehr wegzudenken sind. Und so gehe ich dann diesem Hügel hinunter, schmunzle vor mich hin und freue mich, dass aus unserer damaligen spontanen Idee so etwas Wunderbares und Nachhaltiges entstehen konnte.“

Bremen, im Mai 2017

Willie Burger
Mitbegründer der „SummerSounds“